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KulturLinie 107

Essen entdecken mit der Straßenbahn

Essen hat es gut: Die Stadt muss sich nicht zwischen Alt und Neu entscheiden, sie vereint beides – und das seit ihrem Titel zur Kulturhauptstadt Europas mit zunehmendem Selbstbewusstsein.

Und: Essen ist eine schöne Stadt. Wenn man einer ihrer rund 575.000 Einwohner ist, verliert man nicht selten ihre Schönheit und Komplexität aus den Augen. Dabei hat Essen alles, was eine europäische Stadt ausmacht: Eine Geschichte, die sehr weit zurück liegt. Fürstäbtissinnen, Kaiserbesuche und einen auf das Mittelalter zurückgehenden Stadtkern mit dem zentralen Gebäudeensemble des Essener Doms am Burgplatz. Zahlreiche kunsthistorisch bedeutende Sakralbauten aus den Epochen Vorromanik (ottonische Architektur), Romanik und Moderne. Eine Stadtplanung, die Stadt und Natur vereint. Dazu große Töchter und Söhne, bedeutende Museen, Theater und Weltkonzerne.

Das Mittelalter

Essen ist älter als Berlin, älter als München und sogar älter als das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Die Entstehungsgeschichte Essens hängt eng mit der Geschichte zweier geistlicher Einrichtungen zusammen. Diese gehörten im Mittelalter zu den Bedeutendsten ihrer Art und prägten für 1000 Jahre die Stadtentwicklung. Um 800 gründete der Missionar Luidger, erster Bischof von Münster, das Kloster Werden, das später zu einem der größten Großgrundbesitzer des alten deutschen Reiches anwuchs. Im 14. Jahrhundert entwickelte sich die Ansiedlung, die sich um das Kloster herum gebildet hatte, zur Stadt. Ca. 850 gründete der spätere Bischof von Hildesheim Altfrid zusammen mit Gerswid, der ersten Äbtissin, ein Damenstift, genannt Astnide (wahrscheinlich „Ort im Osten“). Daraus leitete sich später der heutige Stadtname Essen her. Das Damenstift war eine Art Wohn- und Bildungszentrum für die Töchter des sächsischen Adels. Sie mussten, bis auf die Äbtissin, kein Keuschheitsgelübde ablegen und durften ihr Eigentum behalten. Von der Glanzzeit des Stiftes in ottonischer Zeit zeugen heute noch der Kirchenschatz und der Westbau des Doms. Ca. 852 begann das Damenstift mit dem Bau der Stiftskirche, die 870 fertiggestellt wurde. Auf ihren Fundamenten steht heute der Essener Dom im Zentrum der Stadt. Aus der Siedlung rund um das vermögende Stift erwuchs nach und nach die spätere Stadt. Die verkehrsgünstige Lage am Kreuzungspunkt der Handelsstraßen Hellweg und Strata Colonensis förderte die Ansiedlung von Bauern, Handwerkern und Händlern. Die Bürgergemeinde löste sich immer mehr aus der Oberherrschaft der Äbtissin. Es bildete sich ein Stadtrat, 1244 existierte ein eigenes Stadtsiegel und 1377 bestätigte Kaiser Karl IV. die Reichsunmittelbarkeit der Stadt.

Die Industrialisierung

Am Anfang des 19. Jh. lebten in der Stadt Essen ca. 3.500 Menschen. Der Großteil von ihnen betrieb Ackerbau und Viehzucht. 1802 fielen Stadt und Stift Essen und die Reichsabtei Werden dem preußischen Staat als Entschädigung für die verloren gegangenen linksrheinischen Gebiete zu. Der Dreiklang für die nächsten Jahrzehnte lautete: Kohle, Stahl und Eisenbahn, denn diese drei Faktoren waren in der Industrialisierung symbiotisch miteinander verbunden. 1801-1803 wurde in Essen die erste von Franz Dinnendahl entwickelte Dampfmaschine Deutschlands in Betrieb genommen. 1811 gründete Friedrich Krupp seine Gussstahlfabrik. Berühmte Unternehmerpersönlichkeiten wie Franz Dinnendahl, Franz Haniel, Mathias Stinnes und natürlich Alfred Krupp sind Beispiele für einen neuen Typus innovativer Industriepioniere zu Zeiten der Industrialisierung. 1834 und 1842 gelang Franz Haniel und Mathias Stinnes mit dem Durchstoßen der Mergeldecke in Essen der Durchbruch im Kohleabbau. 1851 erfand die Fa. Krupp das nahtlose Eisenbahnrad, das die herkömmlichen, geschweißten und weniger stabilen Räder ablöste. Der Radreifen fand sich später symbolisch im Firmenlogo der drei Ringe wieder. Der beginnende Eisenbahnbau sorgte nicht nur für den Abtransport der Kohle, die Eisenbahn war zugleich Abnehmer und Verbraucher von Kohle und Stahl. Letzteren lieferte zum Beispiel die Fried. Krupp GmbH, die besonders in den 50er und 60er Jahren des 19. Jh. in einem rasanten Tempo expandierte. Dank der Erfolge im Eisenbahn-Geschäft – Krupp produzierte Schienen, Maschinenteile für die Lokomotiven, Achsen und die nahtlosen Radkränze – und der Ausweitung der Rüstungsproduktion stieg die kleine Fabrik zu einem Großbetrieb auf. 1847 erhielt Essen mit dem Bahnhof in Altenessen Anschluss an das Köln-Mindener Eisenbahnnetz und ab 1880 entstand auf Essener Gebiet das dichteste Eisenbahnnetz des Ruhrgebiets mit mehr als 20 Bahnhöfen.

Stadtentwicklung und Städtebau

Kohle und Stahl waren der Motor der Entwicklung zwischen Ruhr und Emscher. Die Kohleförderung im Großraum Essen stieg im Zeitraum 1850-1890 von 0,7 Millionen t auf 7,5 Millionen t. Parallel dazu wuchs die Einwohnerzahl der Stadt im Jahr 1843 auf 7.100 und 1871 bereits auf 51.500. Im Jahr 1900 war Essen dann eine Großstadt mit über 100.000 Einwohnern. Um den Zuzug von Menschen und Arbeitskräften zu bewältigen und produktionsnahe Wohnorte sicherzustellen, wurden im 19. Jh. zahlreiche Arbeitersiedlungen in der Nähe der Stahlfabriken und Zechen errichtet, die das nördliche Stadtbild nachhaltig prägten. Dabei konzentrierten sich die Fabriksiedlungen in Stadtkernnähe (z.B. Eltingviertel), während sich Bergarbeitersiedlungen eher in den nördlichen Außengebieten (z.B. Stoppenberg) bildeten. Südlich dagegen (z.B. Rüttenscheid) entstanden Wohnungen für Kruppsche Werksbeamte (Baumhof) und Kolonien für Pensionäre und Invaliden (Altenhof I. u. II.). Erst ab 1900, mit dem langsamen Wandel Essens von der Industriestadt zur Wirtschafts- und Verwaltungsmetropole, wich die eher industrieorientierte und teilweise planlose Stadtentwicklung einer städtebaulich vorausschauenderen Baupolitik. Nach den Ideen von Robert Schmidt, seit 1907 technischer Beigeordneter, wurde ein wegweisender Bebauungsplan entwickelt und eine funktionale Gliederung des Stadtgebiets vorgenommen. Gleichzeitig achtete man – als Gegenentwurf zur Berliner Mietskasernenarchitektur – auf eine Gebäudehöhe von maximal zwei Stockwerken mit grünen Innenhöfen und die stadtweite Herausbildung von Grünflächen (natürliche Grüntäler). Zudem wurde die Bebauung an die vorhandene Geländesituation harmonisch angepasst. Im Jahre 1962 hatte die Bevölkerungszahl mit 731.220 ihren Höchststand erreicht. Heute leben hier ca. 580.000 Einwohner.

Geographie und Naturraum

Das Stadtgebiet von Essen bedeckt eine Fläche von 210 qkm und liegt im Zentrum des Ruhrgebiets am Rand des Mittelgebirges, mitten im Übergang vom rheinischen Schiefergebirge zur Münsterländischen Bucht. Essen ist eine sehr grüne Stadt. Knapp die Hälfte der Stadtfläche sind Freiräume, also Landwirtschafts-, Wald-, Wasser-, Grün-,Wassergewinnungs- sowie Brachflächen; ein Drittel sind als Landschaftsschutzgebiet deklariert. Für den erholungssuchenden Spaziergänger zeigt sich dieser Umstand am eindrucksvollsten auf den Essener Ruhrhöhen, den Ausläufern des bergischen Landes. Diese rahmen das Stadtgebiet in Richtung Norden – unterbrochen von waldreichen Tälern (z.B. Siepental, Mühlenbachtal) – wie einen offenen Talkessel ein. Im Norden senkt sich das Stadtgebiet zur Emscher hinab. Im Süden steigt es bis auf eine Höhe von 202 m stetig an. Im Essener Süden liegen an der sich stark windenden Ruhr, die im Baldeneysee gestaut wird, die Stadtteile mit mittelalterlichem Kern wie z.B. Werden und Kettwig. Nördlich des Stadtzentrums und der Universität finden sich wiederum alte Siedlungsgebiete wie Borbeck, Altenessen und Stoppenberg. Die Oberflächenstruktur des Stadtgebiets ist eng mit der geologischen Beschaffenheit verknüpft, sie hat ihre Ursprünge im Karbonzeitalter. Im Karbon (lat. Carbo = Kohle) entstand vor ca. 325 Millionen Jahren eine gewaltige unterirdische Steinkohlenschicht. Nach Norden hin taucht diese Steinkohle unter einer Mergeldecke, einer unterirdischen Schicht aus Ton und Kalk ab. Im Süden tritt die Kohle in den Ruhrtälern fast an die Oberfläche; so konnte sie dort bereits im 14. Jh. mittels Stollen leicht abgebaut werden. Der technisch anspruchsvollere Tiefbau erfolgte im Essener Norden erst ab etwa 1840 im Zuge der Industrialisierung.

Kunst und Architektur in den goldenen 20er-Jahren

In den goldenen 20er-Jahren erlebte Essen sowohl wirtschaftlich als auch kulturell eine Blütezeit. 1922 wurde mit finanzieller Hilfe von Essener Firmen und Familien die Kunstsammlung des Hagener Industriellen Karl Ernst Osthaus angekauft, der Kern der Sammlung des heutigen Museums Folkwang. Osthaus unterhielt zudem persönliche Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten, die zur Avantgarde der damaligen Künstler- und Architekturszene zählten, wie beispielsweise Peter Behrens, Jan Thorn-Prikker, Walter Gropius, Le Corbusier und Mies van der Rohe. 1923 bis 1930 entstanden in Essen viele stadtprägende Bauten überregional berühmter und fortschrittlicher Architekten aus dem süddeutschen Raum, wie Georg Metzendorf, Edmund Körner und Alfred Fischer, die bereits 1914 die „Essener Raumkunstgruppe“ ins Leben gerufen und die „Essener Reformarchitektur“ begründet hatten. Deren Wirken wurde unterstützt und bestärkt durch den Leiter des Hochbauamtes Ernst Bode und besonders durch den Leiter des Kruppschen Baubüros Robert Schmohl. Weitere wichtige Impulse gingen von der „Städtischen Handwerker- und Kunstgewerbeschule“ aus, die später in die „Folkwangschule für Gestaltung“ umbenannt wurde. Ihr Direktor Prof. Alfred Fischer erschuf das „Meister-Kollegium“ und berief renommierte Künstler wie den Bildhauer Josef Enseling und den Grafiker Max Burchartz als Dozenten an seine Schule und erschuf somit einen Gegenpol zur Bauhaus-Schule von Walter Gropius in Weimar. 1927 gründeten der Operndirektor Rudolf Schulze-Dornburg und der Choreograph Kurt Jooss die Folkwang-Schule für Musik, Tanz und Sprechen in Essen. 1928 erhielt dann die bereits bestehende Fachschule für Gestaltung diesen Namen. Heute ist die Folkwang Hochschule einer der bedeutendsten Kunsthochschulen Deutschlands.